Interview

»2026 sind wir vom ersten Tag an gefordert«

30.12.2025 | Zum Jahreswechsel blickt Uwe Garbe, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ostsachsen, zurück und nach vorn.

Uwe Garbe, Erster Bevollmächtiger der IG Metall Ostsachsen, zieht Bilanz über das zurückliegende Jahr und blickt auf die Herausforderungen, die 2026 warten. Foto: IG Metall

Uwe, 2025 ist Geschichte. Wie fällt Dein Fazit aus?
Durchwachsen! Ganz ehrlich, das Jahr hat uns an vielen Stellen enorm herausgefordert. Der Tiefschlag ereilte uns schon im April, als Bosch das Aus für den Standort Bosch Powertools in Sebnitz verkündet hat. Beschäftigte, Betriebsrat und wir haben alles getan, um den Standort zu retten. Wir haben mobilisiert und demonstriert, die Politik ins Boot geholt und nichts unterlassen, das Unternehmen in die Verantwortung zu nehmen.

Am Ende vergebens. Woran lag das?
Die Geschäftsleitung hat dem Standort zu keiner Zeit eine Chance eingeräumt, den Turnaround zu schaffen und ihren 280 Beschäftigten eine Perspektive zu geben. Das gipfelte darin, dass der Betriebsrat – kaum waren die Pläne verkündet – mit juristischen Mitteln ins Einigungsstellenverfahren gezwungen wurde. Solch ein Vorgehen zeigt, dass das Unternehmen Marge über Menschen stellt. Das wirkt nach. Aber natürlich gab es auch Erfolge, die wir 2025 erreicht haben.

Zum Beispiel?
Bei Alstom in Görlitz haben wir für viele Beschäftigte mit dem Übergang zu KNDS eine Perspektive entwickelt. Der Betriebsrat bei Borbet ist mit unserer Unterstützung dabei, den Ende 2024 erkämpften Haustarifvertrag umzusetzen – trotz Verzögerungen durch den Arbeitgeber. Die Kolleginnen und Kollegen bei der Accumotive in Kamenz haben einen Stufenplan zur Verkürzung der Arbeitszeit vereinbart. Dazu haben sich die Beschäf-
tigten bei Hedin Automotives auf den Weg gemacht, um mit der IG Metall für ihren ersten Tarifvertrag zu kämpfen. Und mit Olutex in Seifhennersdorf ist gleich eine ganze Belegschaft von der IG Bau in unseren Betreuungsbereich gewechselt, um mit uns im neuen Jahr für einen neuen Haustarifvertrag zu kämpfen.

Womit wir beim Ausblick wären. Was steht 2026 noch auf Eurem Programm?
Viel! Schon jetzt ist klar: Wir sind vom ersten Tag an gefordert. Wir begleiten die Betriebsratswahlen, haben große Tarifrunden in der Metall- und Elektroindus-trie im Herbst oder die bereits Ende 2025 gestartete in der Holz und Kunststoff verarbeitenden Industrie vor uns. Wir setzen alle Hebel in Bewegung, um den Industriestandort Deutschland zu sichern, kämpfen für die politischen Rahmenbedingungen, die es braucht, damit die Transformation, die den Betrieben vielfältige Chancen bietet, zum Erfolg wird. Und natürlich liegt ein großer Schwerpunkt unserer Arbeit auch 2026 darauf, für attraktive Arbeitsbedingungen in der Region zu sorgen, mehr Betriebe in die Mitbestimmung und Tarifbindung zu bringen.

Kurz vor dem Jahreswechsel ist dann auch noch der Weg zur Bildungszeit in Sachsen freigemacht worden …
… was auch höchste Zeit wurde. Dafür haben wir gemeinsam mit den Beschäftigten, mit den Menschen in Sachsen lange gekämpft. 2027 gibt es nun auch endlich hier bei uns einen Rechtsanspruch auf bezahlten Bildungsurlaub. Bildung ist ein Grundrecht und gerade in schwierigen Zeiten und vor dem Hintergrund der großen Herausforderungen ist es wichtig, dass die Beschäftigten die Möglichkeit haben, sich weiterzubilden und zu qualifizieren, nicht nur beruflich, sondern auch politisch und fürs Ehrenamt. Denn klar ist auch, dass ohne Ehrenamt vieles aktuell und wohl auch in Zukunft nicht mehr laufen wird. Deshalb begrüße ich das sehr, dass sich unsere Regierungskoalition dazu durchgerungen hat, den Weg endlich freizugeben ...

… auch wenn es letztlich nur drei statt der fünf geforderten Tage geworden sind?
Klar hätte ich mich noch mehr darüber gefreut, wenn die vollen fünf Tage dabei rausgekommen wären. Aber Politik lebt nun mal von Kompromissen und so ist zumindest ein Einstieg in das verbriefte Recht auf Bildungsurlaub gelungen. Und ich bin davon überzeugt, dass es diesen Erfolg ohne die vielen Aktionen und die 55.000 Unterschriften die das Bündnis zur Bildungszeitkampagne gesammelt hat, niemals gegeben hätte. Dass es am Ende geklappt hat, ist auch ein gutes Zeichen für die Menschen und die Demokratie in unserem Land. Wir können etwas bewegen, auch wenn es dafür zuweilen einen sehr langen Atem braucht. Aber damit kennen wir uns aus.

Das bedeutet?
Auch Mitbestimmung und Tarifverträge fallen nicht vom Himmel. Das sind oft lange und weite Wege. Aber Beharrlichkeit zahlt sich aus. Deshalb ermutigen wir auch alle Kolleginnen und Kollegen, die in Betrieben arbeiten, in denen es noch keinen Betriebsrat gibt, sich an uns zu wenden. Wir unterstützen Euch, auf diesem Weg, erklären Euch, welche Schritte notwendig sind, um zum Beispiel erstmals Betriebsratswahlen einzuleiten. Offizieller Wahltermin für die turnusmäßigen Betriebsratswahlen ist zwar der Zeitraum vom 1. März bis 31. Mai. Aber Betriebe, die noch ohne Betriebsrat sind, können das auch zu jedem anderen Zeitpunkt ändern und ihren Betriebsrat wählen. So wie zuletzt zum Beispiel die Kolleginnen und Kollegen von Zeiss Digital Innovation, die Anfang Dezember mit der BR-Wahl ein neues Zeitalter eingeläutet haben. Das nächste Ziel haben sie übrigens auch schon im Visier: Sie sind fest entschlossen, jetzt um einen Tarifvertrag zu kämpfen. Auch dafür bekommen sie unsere volle Unterstützung.

Warum sind Tarifverträge so wichtig?
Weil nur Tarifverträge vor der Willkür der Arbeitgeber schützen. Sie sorgen für gerechte und faire Arbeitsbedingungen. Und tragen überdies auch zur Attraktivität des Arbeitgebers und der Region bei. Nachweislich entscheiden sich Beschäftigte lieber für einen Arbeitsvertrag in einem Unternehmen, in denen gute Arbeitsbedingungen herrschen, weil es dort einen Tarifvertrag gibt. Wir als IG Metall werden deshalb auch 2026 alles daran setzen, dass die Region Ostsachsen durch weitere Leuchttürme, in denen es Mitbestimmung und Tarifverträge gibt, attraktiver wird. Dafür treten wir nach unserer kleinen Weihnachtspause im Januar wieder an. Jeden Tag, packen wir es an!

Von: kk

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