IG Metall Ostsachsen
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16.12.2019, 08:12 Uhr

Leipzig - Projekt "Zukunft Ost"

30 Jahre Friedliche Revolution: Beherzte Blicke nach vorn

  • 15.11.2019
  • Aktuelles

„Wandel gestalten - selbstbewusst, engagiert, solidarisch“: Im Zeichen dieses Mottos hatte das Projekt „Zukunft Ost“ der IG Metall zur Veranstaltung „30 Jahre friedliche Revolution“ in die Alte Nikolaischule in Leipzig eingeladen. Das Jubiläum bietet reichlich Anlass für Blicke zurück und vor allem nach vorn.

v.l.n.r.: Gundula Lasch, Moderatorin, Wolfgang Lemb, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, Prof. Everhard Holtmann, Forschungsdirektor am Zentrum für Sozialforschung Halle, Lisa Koischwitz, stellvertr. Vertrauenskörperleiterin im VW Werk in Sachsen und Martin Dulig, amtierender sächsischer Wirtschaftsminister - Fotos: IG Metall

Lisa Koischwitz, Vertrauensfrau bei VW in Zwickau und Martin Dulig, Wirtschaftsminister in Sachsen

Matthias Platzeck, Ministerpräsident a.D. Brandenburg

Am Abend des 14. November in Leipzig: Lichtinstallation am Augustusplatz

Viele haupt- und ehrenamtliche Metallerinnen und Metaller kamen, um sich noch einmal an die aufregende Wendezeit zu erinnern und mit Kolleginnen und Kollegen über die Herausforderungen der Zukunft zu diskutieren.

Die Nikolaischule mit Blick auf die geschichtsträchtige Nikolaikirche, vor der sich ab Sommer 1989 jeden Montag mehr Menschen versammelt hatten und mit einem Demonstrationszug von 70.000 Menschen am 9. Oktober die friedliche Revolution unumkehrbar machten, sorgte für den perfekten Rahmen.

In ihrer Begrüßungsrede betonte Astrid Knüttel, Leiterin des Projekts „Zukunft Ost“ beim Vorstand der IG Metall, welche gravierenden Brüche die politische Wende in der DDR mit sich brachte. Mit Blick auf den Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober, wies sie daraufhin: „Der 9. November ist nicht nur der Tag des Mauerfalls. Er ist auch der Tag der Reichsprogrammnacht vor 81 Jahren. Und er mahnt, nie wieder so etwas zuzulassen.“

Olivier Höbel, Bezirksleiter des IG Metalls Bezirkes Berlin-Brandenburg-Sachsen, erinnerte an den mutigen und unermüdlichen Kampf der ostdeutschen Metaller für ihre Zukunft: „Sie haben ihr Schicksal selbst in die Hand genommen und zusammengehalten. Dort, wo das am besten gelang, haben Betriebe überlebt“, so Höbel. In den letzten 30 Jahren haben die Ostdeutschen viele Umbrüche und Veränderungen bewältigt. „Das gibt uns gute Gründe, optimistisch in die Zukunft zu schauen.“

Matthias Platzeck, Brandenburgs Ministerpräsident a.D. und Vorsitzender der von der Bundesregierung eingesetzten Kommission „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“, gehörte zu den Bürgerrechtlern, die den Weg von der DDR in ein vereintes Deutschland aktiv begleiteten und zu gestalten versuchten. Er erinnerte daran, dass 80 Prozent der ehemaligen DDR-Werktätigen nach der Wiedervereinigung einen neuen Beruf lernen mussten, eine Entwertung ihrer Fähigkeiten hinnehmen mussten. „Und nun stehen nicht nur die Deutschen wieder vor gravierenden Veränderungen, die Transformation, Digitalisierung, aber vor allem Globalisierung mit sich bringen. Die Handlungsebene des 21. Jahrhunderts kann nur die internationale sein“, betonte Platzeck. Mit Blick nach vorn rief der Politiker auf, den „Vorsprung Ost“ zu organisieren, neue Produktionszweige zu erschließen und so endlich den „Nachbau West“ zu beenden.

Wie hoch die Mauern zwischen Ost und West auch nach 30 Jahren Einheit noch sind, zeigte ein Film, den die IG-Metall-Jugend des Bezirks Berlin-Brandenburg-Sachsen erstellt hat. Zentrale Frage: „Warum arbeiten wir im Osten drei Stunden pro Woche mehr und verdienen 700 Euro weniger im Jahr?“

Martin Dulig, amtierender sächsischer Wirtschaftsminister und Ostbeauftragter der SPD, Prof. Everhard Holtmann, Forschungsdirektor am Zentrum für Sozialforschung Halle, Lisa Koischwitz, Stellvertretende Vorsitzende des Vertrauenskörpers im VW-Fahrzeugwerk Zwickau und Wolfgang Lemb, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, diskutierten anschließend  auch mit dem Publikum.

Lisa Koischwitz, Vertrauensfrau im Volkswagen Werk Zwickau, kann die Transformation konkret beschreiben: Sie berichtete von der Umstellung der Produktion auf Elektro-Fahrzeuge. „Nach der Entscheidung für die 100prozentige Umstellung unseres Werkes auf E-Mobilität, waren meine Kolleginnen und Kollegen anfangs stark verunsichert. Zu diesem Zeitpunkt kannten wir alle den ID.3 - das E-Auto - noch nicht. Und wir wussten nicht, wie sich unsere Arbeitsprozesse verändern würden.“ Nun aber würden die Veränderungen greifbarer. „In diesem Veränderungsprozess ist es unsere Aufgabe als IG Metall im Betrieb, dass jeder Kollege seinen Platz findet.“

Professor Holtmann zitierte aus einer Studie, dass die aktuell noch sehr geringe Anzahl von ostdeutschen Führungskräften in den kommenden Jahren deutlich steigen werde. Dieser Einschätzung widersprachen mehrere Metaller aus dem Publikum. Matthias Platzeck brachte es auf eine einfache Formel: „Eliten rekrutieren Eliten“.

Wirtschaftsminister Dulig versprach, die anstehenden Transformationsprozesse mit einer konstruktiven Wirtschafts- und Strukturpolitik in Sachsen zu begleiten. Auch die Tarifbindung von derzeit nur 39 Prozent solle wieder verbessert werden.

Wolfgang Lemb wurde da sehr viel konkreter: „Wir brauchen eine Industriepolitik, die einen verlässlichen Rahmen zur Gestaltung der Energiewende und zum Erreichen der Klimaziele schafft. Doch das geht nicht mit der schwarzen Null.“ Mit der Frage der Finanzierung der Transformationskosten werde sich auch das Schicksal der Industrie in Deutschland entscheiden. Lemb schlug vor, „einen Transformationsfonds zu schaffen, der besonders kleinen und mittleren Betrieben die Umstellung ermöglicht und so hilft, ihre Existenz zu sichern.“ In Sachsen sind das 90 Prozent aller Unternehmen.“ Lemb wagte zum Schluss einen beherzten Blick nach vorn: „Wenn wir gemeinsam die Transformation gestalten, Digitalisierung und Klimaschutz als Chance begreifen und dabei unsere Interessen nicht aus den Augen verlieren, bin ich optimistisch.“ Dann, so Lemb, wäre die 35-Stunden-Woche in zehn Jahren auch im Osten längst Realität. 

Gundula Lasch

Am Abend war am Augustusplatz für kurze Zeit eine Licht-Installation zu sehen: "Die Arbeitszeitmauer zwischen Ost und West muss fallen!"                                      
 


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