29.08.2025 | Immer mehr Betriebe ziehen sich aus der Ausbildung zurück – mit fatalen Folgen. Die IG Metall Ostsachsen erinnert die Unternehmen an ihre Verantwortung und fordert, wieder mehr auszubilden.
Bei Bosch Powertools in Sebnitz arbeiten rund 280 Kolleginnen und Kollegen. 75 Prozent von ihnen haben sogar ihre Ausbildung bei Bosch gemacht. Im April hat der Konzern nun angekündigt, den Betrieb bis Ende 2026 abwickeln zu wollen. Die IG Metall hat mit allen Mitteln gegen diese Pläne gekämpft, konnte den Schritt letzten Ende aber nicht verhindern, weil es am Willen der Arbeitgeber gefehlt, den Standort in die Zukunft zu führen und soziale Verantwortung für seine Beschäftigten zu übernehmen. Die bittere Konsequenz: Nicht nur alle Beschäftigten verlieren ihren Arbeitsplatz, das Aus von Bosch Powertools bedeutet auch: Ein weiterer Betrieb in Ostsachsen bildet nicht mehr aus. Zuvor hatten sich schon andere Betriebe aus der Ausbildung verabschiedet.
Walterscheid in Sohland zum Beispiel, Produzent von Antriebssystemen für Landwirtschafts-, Bau- und Spezialmaschinen,bildet seine Fachkräfte nicht mehr selber aus. Oder die Accumotive in Kamenz. Statt jungen Menschen eine Chance zu geben und so etwas gegen den viel beklagten Fachkräftemangel zu unternehmen, setzt der Batteriehersteller zurzeit lieber auf Kooperation mit der Agentur für Arbeit und auf Umschulung statt auf Ausbildung.
»Noch vor vier Jahren haben wir mehr als 40 jungen Menschen in unterschiedlichsten Ausbildungsberufen und dualen Studiengängen eine echte Perspektive geboten«, sagt Stephan Lauckner, Betriebsratsvorsitzender bei Accumotive und Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Ostsachsen, und ergänzt: »Eine Perspektive, die nicht nur eine qualitativ hochwertige Berufsausbildung beinhaltete, sondern mit IG Metall-Tarifvertrag auch gute und faire Arbeitsbedingungen garantierte.«
Diese Entwicklung bereitet der IG Metall Ostsachsen Sorgen. »Die Region droht auszubluten«, sagt Anna-Lena Brand, als Gewerkschaftssekretärin unter anderem für die jungen Mitglieder zuständig. »Wenn das so weiter geht, werden uns künftig ganze Generationen in Ostsachsen fehlen«, sagt Brand auch mit Blick auf ein aktuelles Stimmungsbild, das das Revierwende-Projekt für die Lausitz unlängst veröffentlicht hat. Danach nimmt der positive Blick auf persönliche Zukunftsaussichten stetig ab. Während 2023 noch knapp die Hälfte bleiben wollten, sehen 2025 nur noch 38 Prozent der befragten Jugendlichen ihre Zukunft in der Region. Insbesondere junge Frauen ab 17 Jahren sowie Schülerinnen und Schüler von Gymnasien tendieren dazu, die Region zu verlassen. »Das sind bedrohliche Tendenzen, die weiteres Frustpotenzial für die nach sich ziehen können, die zurückbleiben und dann in der Region möglicherweise auch keine Ausbildung finden«, sagt Brand.
Um eine weitere gesellschaftliche Spaltung aufzuhalten, sieht Uwe Garbe, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ostsachsen, neben der Politik, die für die notwendigen Rahmenbedingungen sorgen muss, auch die Arbeitgeber in der Pflicht. »Sie dürfen sich nicht länger aus der sozialen Verantwortung für unsere Region ziehen und Entscheidungen einzig und allein nach kurzfristiger Profitmaximierung für ihr Unternehmen ausrichten «, so Garbe. »Wer über Fachkräftemangel klagt, sollte aus eigenem Interesse ausbilden. Davon profitieren schließlich nicht nur die jungen Leute, sondern auch die Wirtschaftskraft und die Attraktivität der gesamten Region und letztlich die Unternehmen selbst.«